Ostsee-Zeitung · Nicole Hollatz · 18.7.2026

Der Wismarer Künstler Manfred M. Jürgens mit seinem alten Tonbandkoffer im Atelier. Er lässt seine Saurier-Disco wieder aufleben.
Quelle: Nicole Hollatz
Kultige „Saurier-Disco“ mit „Manny“ · Manfred W. Jürgens kehrt zurück: Wismarer legt wieder auf
Wismar/Schönhof. An den Silvesterabend 1969 kann Manfred W. Jürgens sich noch gut erinnern. Er war 13 Jahre alt und sollte im Schloss Schönhof auflegen. Er wurde angesprochen: „Du hast doch jetzt so ein Tonbandgerät …“ Die Boxen dafür hat ein Tischler gebaut, die Lautsprecher kamen aus alten Radios vom Sperrmüll.
Manfred „Manny“ W. Jürgens hat 1969 als 13-Jähriger die erste Disco im Norden der Region veranstaltet – mit selbstgebauten Boxen und Tonbandgerät. Über 1000 „Saurier-Discos“ folgten, sogar im Schweriner Plenarsaal legte er auf. Am 8. August kehrt der 70-Jährige als DJ zurück.
Er, der Perfektionist, der seit Jahrzehnten fotorealistische Bilder malt und damit die Kunstwelt begeistert, hat damals schon die Tonbänder nummeriert und die Lieder mit der Schreibmaschine auf Karteikarten katalogisiert. Seinen alten Koffer für die Tonbänder und diese Karteikarten hat „Manny“ nun nach 56 Jahren zurückbekommen. So weiß er wieder, was er bei seiner ersten Disco, die die erste im Norden der Region war, gesagt hat. Und welche Musik er aufgelegt hat.
1975 im Jugendclub Schönhof: Manfred „Manny“ W. Jürgens (gebeugt in der Bildmitte) als DJ. Dahinter seine erste gemalte Kulisse „The Jimi Hendrix Experience“.
Quelle: privat
Im Schloss bei Testorf-Steinfort, westlich zwischen Wismar und Schwerin, eröffnet er die Tanzveranstaltung so: „,Guten Abend, werte Gäste, hier im wunderschönen Schloss zu Schönhof! Willkommen auf unserer ersten Diskothek! Herr Schmidt wünschte sich den Kaiserwalzer von Johann Strauß. Freuen wir uns jetzt schon auf Chris Montez mit seinem Hit ‚Let’s Dance‘’. Dann fügte ich schüchtern hinzu: ‚Zumindest steht das so auf meiner Karteikarte.‘ Die Leute lachten, pfiffen und klatschten.“ Und Manny war glücklich. „Drei Generationen feierten ausgelassen bis in den hellen Morgen. Schlossbewohner, die sich wegen der Lautstärke meiner Musik beschweren wollten, wurden von tanzwütigen Bauern auf die kleine Tanzfläche entführt und blieben.“
Über 1000 „Saurier-Discos“ veranstaltet
Dass Manfred W. Jürgens damals als 13-Jähriger den Grundstein für einen Kult und über 1000 weitere „Saurier-Discos“ mit ihm als DJ gelegt hat, ahnte keiner.
Ein Stück Zeitgeschichte: Manfred W. Jürgens hat nach so langer Zeit seine Unterlagen von den ersten „Saurier-Discos“ zurückbekommen.Quelle: Nicole Hollatz
Denn nicht nur der Tonbandkoffer und seine Karteikarten haben dank eines Fans und Freundes die Zeit überstanden. Andere sammelten die damaligen Plakate, die der Künstler – damals war er das zumindest noch nicht beruflich – natürlich selbst gemalt und gezeichnet hat.
1983 malte Manfred W. Jürgens die fünf Meter breite Kulisse der „Saurier-Disco“ als Aquarell. Das Bild gibt es noch. Quelle: privat
„Es reichte aus, wenn ich einen Saurier mit Datum und Uhrzeit aufs Plakat malte, alle wussten dann, worum es geht.“ Jemand hat sich sogar seine musikalischen Saurier auf die Wade tätowieren lassen.
Bühnenkulissen wurden selbst gebaut
Aus der ersten Disco wurde ein ganzes Musikfestival mit überregionaler Beliebtheit. Manfred M. Jürgens erinnert sich: „1975: Eines der großen Fußballtore auf dem Schönhofer Sportplatz wurde zur Bühne. In die oberen Ecken hängten wir große Boxen, in die Mitte diverse farbige Scheinwerfer.“ Natürlich war alles selbstgebaut.
„Saurier-Disco“ 1976 im Schlosspark in Schönhof: Dort verbrachte Manfred M. Jürgens drei Tage als DJ auf dem Bühnenanhänger mit Wohnkomfort. Quelle: privat
Sowieso – es war zu der Zeit, weit vor Musikstreamingdiensten und Co., schwierig, an die Musik zu kommen, gerade aus dem Westen. Als Vollmatrosenlehrling investierte Manny seine Devisen in den Schallplattenläden des kapitalistischen Auslands. Als junger Maler und Lackierer arbeitete er bei einer älteren Dame, die die aktuellen Hits aus Ost und West im Schallplattenregal hatte. Und Manny hatte ein Tonbandgerät ...
Disco-Besucher kamen mit Traktor und Pferd
Manfred W. Jürgens berichtet aus den 1970er-Jahren: „In den Folgejahren erfuhr die Festivität auch überregionale Beliebtheit. Jugendliche zelteten drei Tage lang am Rand unseres Sportplatzes. Junge Bauern aus den Nachbardörfern kamen auf Traktoren zur Disco. Wie im Western gab es eine Anbindestange für Pferde, die von Besuchern auch genutzt wurde.“ Und Manny, der junge DJ in einer Zeit, in der es noch Schallplattenunterhalter hieß, ließ die Generationen zusammen tanzen und feiern. Er sagt lachend: „Vermutlich bin ich der einzige, der jemals drei Nächte im Schlosspark auf seinem eigenen Sofa übernachtete.“
Disco im Schweriner Plenarsaal
Sogar im Plenarsaal des Schweriner Schlosses hat er schon aufgelegt. Man buchte Manny inzwischen überregional. „Im Schweriner Schloss residierte die Pädagogische Schule zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen.“ Der heutige Plenarsaal war die Schulaula. Die Frauen wollten zum Ende ihrer Ausbildung tanzen. „Über 300 verkleideten sich farbenfroh und galant als Feen, viele trugen Zauberhüte mit Tüll. Geladen wurden als Tanzpartner uniformierte Herren aus Raben Steinfeld von der dortigen Forstschule. Spektakel dieser Art kann man nicht erfinden. Zu Beginn kündigte mich die Chefin an: ‚Wir erleben heute die einzige Disco, die es je hier im Schweriner Schloss geben wird. Gute Unterhaltung.‘“
Die Tonbänder von damals wurden inzwischen durch moderne Technik ersetzt. Manfred M. Jürgens plant seine „Saurier-Disco“ mit acht Stunden Musik. Quelle: Nicole Hollatz
Wismarer plant acht Stunden Musikprogramm
Nun legt der inzwischen 70-jährige, jung gebliebene Künstler wieder auf. Ohne Tonbandgerät und Technik vom Sperrmüll, sondern mit großer Anlage und moderner Technik. „Aber ich werde genauso beginnen wie Silvester 1969.“ Am 8. August ab 18 Uhr steigen die „Saurier-Disco“ und das Sommerfest im Herrenhaus Schönhof, Einlass ist ab 17 Uhr. Acht Stunden Musikprogramm hat Manny dafür schon zusammengestellt. Der Eintritt kostet an der Abendkasse 10 Euro, im Vorverkauf 8 Euro (https://herrenhaus-schoenhof.de/events/#s-section-kontakt).
Auf die Frage, was einen guten DJ ausmacht, antwortet Manfred W. Jürgens: „Was ich seltsam finde, ist, wenn DJs ihr Publikum anschreien. Damit habe ich Probleme. Ein eigener Stil ist wichtig, jedoch möge sich ein DJ wie ein Gastronom verhalten, also möglichst die edlen Lieblingsgetränke seiner Gäste kennen und bei Bedarf unterhaltsam servieren.“
Musikwünsche und Infos unter saurier-disco.de.
OZ
Die Saurier sagen Danke Ostsee-Zeitung · Danke Nicole Hollatz !